Zwischen Assimilation und Ablehnung: Literarischer Antisemitismus im 19.Jahrhundert. Teil I: Romantik

Jüdische Emanzipationsbewegung unter dem Einfluss der Spätaufklärung

Die Literatur des ausgehenden 18.Jahrhunderts ist zunächst – unter dem Einfluss der französischen Revolution – geprägt von jüdischen Emanzipations- und Assimilationsbewegungen: Lessing, der 1749 in seinem Werk „Die Juden“ erstmalig in der Literatur die Figur des Juden positiv besetzt, verfasst 1779 mit „Nathan der Weise“ das Paradestück jüdischer Aufklärung und religiöser Toleranz. Vorbild für Lessings „Nathan“ war dessen enger Vertrauter Moses Mendelsson, Begründer der jüdischen Emanzipationsbewegung. „Nathan der Weise“ wurde Pflichtlektüre in den gebildeten, bürgerlichen Kreisen des beginnenden 19.Jahrhunderts, die Idee jüdischer Gleichberechtigung gewann in immer stärkerem Maße an Fürsprechern. Wurde den in Frankreich lebenden Juden bereits 1791 das allgemeine Bürgerrecht und Gleichberechtigung zugestanden, garantierte dies in Preußen als dem ersten der deutschsprachigen Ländern erst das 1812 in Kraft tretende „Judenedikt“, Bestandteil der Hadenbergschen Reformen, die auf dem von Kriegsrat Dohm 1781 verfassten Buch „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ basierten. Ob diese „Reformen von oben“ ohne die militärische Niederlage Preußens und dem damit verbundenen Niedergang des altpreußischen Ständesystems stattgefunden hätten, ist allerdings mehr als zweifelhaft. Zugleich stellen diese „Zwangsreformen“ den Höhepunkt der Emanzipationsbewegung dar, bis 1815 werden die antijüdischen Strömungen der deutschen Romantik mit aller Vehemenz an die Oberfläche treten.

Die antisemitische Gesinnung der Romantiker

Bereits in der Frühromantik um 1790 machten sich erste anti-emanzipatorische Tendenzen breit: Vor allem Friedrich Schleiermacher und Johann Gottlieb Fichte sprachen sich gegen jüdische Assimilation und „religiöse Gleichmacherei“ aus, sie sahen eine „Weltreligion“ als den Untergang aller Kulturen an. Letzterer spricht in seinem 1793 erschienenen Aufsatz „Beiträge zur Berichtigung der Urtheile über die französische Revolution“ neben anderen antijüdischen Klischees gar davon, den Juden „in einer Nacht (…) die Köpfe abzuschneiden“ und „um uns vor ihnen zu schützen, (…) ihnen ihr gelobtes Land zu erobern, und sie alle dahin zu schicken.“
Ab der Jahrhundertwende und nach der Spätaufklärung fand innerhalb der romantischen Bewegung ein drastischer Einstellungswandel statt, der sich gegen Juden und Philister richtete, diese so unterschiedliche Gruppierungen zeitweise sogar gleichsetzte. Nirgends offenbarte sich dies so deutlich wie in der von Achim von Arnim 1811 gegründeten „Christlich-teutschen Tischgesellschaft“, die gegen jüdische Gleichberechtigung gerichtet war und diese -zumindest symbolisch- rückgängig machen wollte. Sie war der Gegenentwurf zu den der Aufklärung nahe stehenden Berliner Literatursalons einer Rahel Varnhagen oder Henriette Herz, in denen sich die literarische Elite, deutsche wie jüdische, die Klinke in die Hand gab und in denen die Assimilation für eine kurze Zeitspanne zu funktionieren schien. Zu den Mitgliedern der antiaufklärerischen Tischgesellschaft gehörte neben von Arnim auch Brentano, der sich mit zahlreichen antisemitischen Reden hervortat, die bereits erwähnten Fichte und Schleiermacher, Iffland, Kleist, Schinkel, Clausewitz und zahlreiche andere führende Persönlichkeiten aus Adel und gehobenem Bürgertum. Wiesen auch andere bekannte Autoren dieser Zeit antjüdische Klischees auf und propagierten die Nicht-Assimilierbarkeit der Juden (z.B. Sessas Drama „Unser Verkehr“ oder Julius von Voß‘ „Der travestierte Nathan der Weise“), so erreichte der Antisemitismus mit der Gründung der „Christlich-deutschen Tischgesellschaft“ eine neue Qualität. Unverhohlen wurde hier gegen das Judentum gehetzt und angeschrieben, in Reden und Schriften wie Brentanos „Der Philister vor, in, und nach der Geschichte“ und „Gockel und Hinkel“, Arnims „Über die Kennzeichen des Judentums“, „Der Jude im Dorn“ der Gebrüder Grimm oder Joseph von Eichendorffs „Libertas und ihre Freier“. Hier wurde der Grundstein vieler antijüdischer Ressentiments und Stigmatisierungen gelegt oder weiter ausgebaut, auf die auch in heutigen antisemitischen Pamphleten noch gerne Bezug genommen wird: Vom geldgierigen Juden und der schönen, leicht verführbaren Jüdin, dem unpatriotisch-staatszersetzenden Charakter des Judentums bis hin zum schon von Luther arg strapazierten Bild der „Judensau“. Sogar die mittelalterliche Legende der religiös motivierten Ermordung christlicher Kinder durch Juden fand Eingang in Texte Brentanos.

Judenhass als Resultat der Ablehnung aufklärerischer Ideen

Doch woher diese Abneigung der Romantiker gegen die Juden? Die Antwort liegt in ihrem gestörten Verhältnis zur Aufklärung: Stand der „Sturm und Drang“ als Vorläufer der Romantik den Ideen der Aufklärung zumindest noch teilweise positiv gegenüber, so richtet sich die Romantik gegen den aufklärerischen Rationalismus und die Vernunft. Stattdessen fordern die romantischen Dichter die Rückbesinnung auf Gefühl, Sehnsucht und Mystik, das gesättigte Bürgertum wird als Feind angesehen. Da die Juden vom liberalen Bürgertum im Namen der Aufklärung aus ihren Ghettos befreit und zumindest teilweise gleichberechtig wurden, werden diese mit der Bewegung der Aufklärung und dem verhassten Bürgertum identifiziert und gleichgesetzt, besonders nach den preußischen Niederlagen gegen Frankreich sahen sich die Juden dem Vorwurf der Frankophilie und des fehlendem Patriotismus ausgesetzt. Die Romantiker sahen in dieser kriegerischen und instabilen Phase der Industrialisierung und Verarmung die Juden als einzige Nutznießer der wirtschaftlichen und sozialen Reformen an, schnell mutierte der bei Adligen beliebte Hofjude zum Wucherjuden.

Romantischer Antijudaismus als Wegbereiter moderner Rassentheorie

Es bleibt also die Erkenntnis, dass trotz der zeitweisen rechtlichen Gleichstellung der Juden ihre gesellschaftliche Akzeptanz nie wirklich erreicht wurde, im Gegenteil: Die romantischen Autoren hatten großen Anteil daran, judenfeindliche Klischees zu verstärken, für ihr Durchdringen der Gesamtbevölkerung zu sorgen und somit eine antisemitische Grundstimmung zu schaffen, die den Boden für die Akzeptanz der pseudowissenschaftlichen Rassentheorien um Chamberlain („Die Grundlagen des 19.Jahrhunderts“) und Lagarde („Deutsche Schriften“, „Juden und Indogermanen“) in der 2.Hälfte des 19.Jahrhunderts zu schaffen, deren Werke bewiesenermaßen großen Einfluss auf das Denken Hitlers hatte und als Wegbereiter des nationalsozialistischen Antisemitismus gelten.