Film

„Luzie, ich liebe dich unheimlich“ – Die Bettwurst von Rosa von Praunheim (1971)

Die Bettwurst (Rosa von Praunheim)

Zugegeben: Die „gewöhnungsbedürftige“ Bild- und Tonqualität zu Beginn des Films machen einem den Einstieg nicht gerade leicht. Doch Durchhalten lohnt sich, bereits nach dem ersten Aufeinandertreffen der Protagonisten Luzie und Dietmar, verbunden mit einem herrlich nichtssagenden und daher so typischen Small-Talk, hatte der Film mich in seinen Bann geschlagen. Dabei können die beiden Schauspieler laienhafter kaum sein: Luzie, die Tante Rosa von Praunheims, blickt ständig direkt in die Kamera, versunsichert, verloren wirkend. Dietmar hingegen scheint sich als Schauspieler wohl zu fühlen, spricht mit breitem badischen Dialekt, wiederholt die ständig gleichen, abgenutzten Floskeln. Die entstehende Liebe der beiden scheint skuril, sie Anfang 50, er Mitte 20 und seine Homosexualität im wahren Leben nur schwer verbergen könnend. Doch gerade die Mischung aus Fiktion und Realität von Schauspieler und dahinter stehendem Menschen macht den Film so sehenswert. Von Praunheim lässt die beiden gewähren, die überaus absurde Story steckt nur grob den Rahmen ab, wird vom alltäglichen Liebesgebahren der beiden in den Hintergrund gedrängt. Dadurch entsteht ein treffendes Soziogramm des Kleinbürgertums der frühen 70er: Zwischen Schrebergarten und Tanzcafé, Fotoalbum und neumodischem Kitsch bewegen sich Dietmar und Luzie auf den Pfaden des bundesrepublikanischen Heimglücks, das durch den Freiraum, der den Schauspielern für Improvisation, biographische Details uns persönliche Erfahrungen gelassen wird, besonders authentisch, ja nahezu dokumentarisch wirkt. So peinlich-komisch diese aufgezeigte Spießerwelt auch sein mag: Bewundernswert bleibt die Geradlinigkeit und Selbstverständlichkeit der beiden Schauspieler, wie sie sich in dieser Welt, die ja abseits des Films auch ein Stück weit ihre eigene ist, bewegen, ohne auch nur den geringsten Zweifel darüber aufkommen zu lassen, dass es genau so ist und sein muss. Rosa von Praunheim stellt das ungleiche Paar und deren Welt dar, ohne auf sie mit dem Finger zu zeigen oder ihr Verhalten lächerlich zu machen zu wollen, vielmehr nimmt er Anteil daran, zeigt offen sein Interesse.
Der durchschlagende Erfolg von „Die Bettwurst“ machte von Praunheim 1971 auf einen Schlag berühmt, drei Jahre später erschien gar die Fortsetzung „Die Berliner Bettwurst“.


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