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Zur literaturwissenschaftlich zweifelhaften Methode der „Judenbilder“

Die motivgeschichtliche Verfahrensweise weist in der Literaturtheorie einen nicht zu bändigenden Überlebenswillen auf: etliche Male bereits für tot erklärt, kehrt sie immer wieder putzmunter zurück, um differenzierend-literaturwissenschaftlichen Methoden ein Schnippchen zu schlagen. Gerade im Bereich der Überschneidung von Antisemitismusforschung und Literaturwissenschaft – dem literarischen Antisemitismus – gehört die Motivgeschichte (auch: Imagologie“) zur Vorzugsgattung.
Vor allem das „Bild des Juden in der Literatur“ scheint es diesem wenig diskursiven Instrumentarium angetan zu haben. Studien zum Judenbild gibt es in der Germanistik seit dem ausgehenden 19.Jahrhundert zu Genüge: Begonnen mit Herbert Carringtons Untersuchung zum „Bühnenjuden“, Ludwig Geigers programmatischer Studie über „Die Deutsche Lieratur und die Juden“ von 1910, bis hin zu den in den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wie Pilze aus dem Boden schießenden Analysen der Judenbilder in der Literatur. Stellvertretend seien hier Martin Gubsers Analyse von Gustav Freytag – dessen antisemitischer Roman „Soll und Haben“ zu den Bestsellern des 19.Jahrhunderts zählte – in „Literarischer Antisemitismus. Studien zu Gustav Freytag und anderen bürgerlichen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts“ (1998) und Michael Fleischers „Kommen Sie Cohn. Fontane und die ‚Judenfrage‘ “ aus dem gleichen Jahr erwähnt.
Dabei hat die Motivgeschichte durchaus da ihre Berechtigung, wo lineare Motivtraditionen und -brüche untersucht werden sollen, es um eine rein positivistische „Bestandsaufnahme“ geht.
Das Spezifische literaturwissenschaftlicher Forschung wird dadurch jedoch unterminiert, der Text als Ganzes mitsamt seiner formspezifischen Eigenschaften außer Acht gelassen. Da Diskurse des Zeitgeschehens, aus denen heraus das Bild des Juden in einem Werk entstanden ist, nicht berücksichtigt werden, ist die Motivgeschichte rein deskriptiv. So besteht die Gefahr, dass durch den reinen Vergleich des Bildes zu verschiedenen Epochen ein zeitlos fixiertes Stereotyp des Juden entsteht und sich eine naturgegebene „Andersartigkeit“ der Juden als Grundvorraussetzung einschleicht. Statt antisemitische Judenbilder zu entkräften, werden Stereotype endlos wiederholt und entzerrt, antisemitischen Ideologien wird hilfsbereit in die Karten gespielt.
Daher bedarf es in der literarischen Antisemtismusforschung dringend eigener Methoden und theoretischer Konzepte, die den literaturspezifischen Anforderungen gerecht werden. Literatur darf nicht nur reinen Belegcharakter besitzen, vielmehr müssen im Rückgriff auf diskursanalytische Methoden Traditionen, Brüche, literarische Vorbilder -auch außerhalb des eigenen Kulturkreises – in auf Antisemitismus untersuchten Werken berücksichtigt werden. Literatur muss als System, dessen Bestandteile (Texte) kulturelle Gebilde sind und eigene Codierungen besitzen, gesehen werden. Denn erst die kulturellen Kontexte und Diskurse, aus denen heraus Literatur entsteht, entscheiden darüber, was als „fremd“ oder „jüdisch“ angesehen wird.